Samstag, 5. April 2014

Beim Fotografieren berühren sich manchmal die Wangen

Wenn ich gerade einen Essay über die Pose bei der Fotografie schreibe, genauer gesagt über Urlaubsportraits vorm Eiffelturm, dann mache ich das, um aus meinem entkörperlichten Diskurs der Medientheorie herauszukommen. Dort werden Körper nur dadurch definiert, dass sie abgebildet und in einen großen Haufen von zirkulierenden Bildern eingeordnet werden. Was, du siehst nicht aus, wie Marylin Monroe? Dann ist das kein schönes Bild. Abgleich mit Idealen, normativen Darstellungen, Nachahmen dieser Darstellungen. Körper sind hier nur von Bildern geprägte ...substanzlose Dinger, nach Butler ist sogar anatomisches Geschlecht, materielle Körper sind von immateriellen Bildern, die noch nicht einmal mit ihrem Ursprung übereinstimmen, geformt. Stimme ich auch zu, aber ich kann ja nicht immer im Bereich der Repräsentationen rumschweben. Körper sind den Bildern untergeordnet? Ich weiß, dass den meisten die Prägung durch Bildern dick aufstößt und doch sich jeder angeblich seines Körpers bedienen kann, ich handle doch weil ich es so will und mach da nichts nach, das soll nur für mich selbst schön sein. Na ja. Darüber muss ich jetzt nicht streiten. Ich versuche immer mehr, den Körper ohne den visuellen Diskurs lesen zu können (ja, lesen, als Anhäufung von Zeichen wie in einem Text mit Wörtern, auch wenn die Vorstellung von Zeichenhaftigkeit wieder so immateriell nebelig erscheint) aber ich komme immer mehr darauf zurück. Eben las ich etwas über stigmatisierte, diskreditierte Individuen. Das kann etwas sein wie einfach mal ein fehlendes Ohr, diese seltsame Hautfarbe oder igitt, dieses weibliche Geschlecht, ein Akzent, ein Markenlogo auf dem Shirt oder was auch immer. Goffman (Autor) schreibt, wie sich diese Personen gut fühlen können, innerlich, ohne Vergleich. Dann ist ja alles gut. Dann befindet man sich plötzlich in diesem sozialen Feld, in der urbanen Lifestyle-Großstadt, man sieht die topmodisch gekleideten Personen, sieht sich zusammengestaucht verpackt in Flohmarktkleidung. Beim Vorbeilaufen am Schaufenster, dieser tricky Fensterscheibenreflexion, erkennt man faktisch: ich sehe anders aus. Ist ja in dem Fall auch richtig. Was man fühlt, ist ein ich bin anders, und in der Gruppe aufgehen macht Spaß, ich will anders sein. Da ist dieses Spiegelbild, wer ist das? Auseinanderfall zwischen Ichbewusstsein und Ideal-Ich, Grüße von Jaques L. Verdammt. Aber es geht auch anders. Da steht ich da vorm Eiffelturm, ich konnte mir auch das gute Hotel mit Frühstücksbuffet und original französischen Croissants leisten und das Doppelzimmer mit den karierten Vorhängen bietet auch Blick auf das Wahrzeichen der Hauptstadt. Schatz und ich machen den Romantikurlaub, den wir uns durch unsere Jobs und doppeltes Einkommen gut leisten können, genauso wie das Fitnesstudio und die Frisörbesuche, weswegen wir auch jetzt richtig gut aussehen. Nicht, dass wir im Alltag viel Zeit hätten, dies aber jetzt und diese High-Life Situationen sind das, was unser Leben ausmacht, in dieser Ecke vom Treppenaufgang haben wir auch schon Fotos aus Ägypten und dieser speziellen Führung in das Dorf. Deswegen - das ist so praktisch am Iphone (was ja nun wirklich nicht nur ein Statussymbol ist), dass es diese Kamera vorne hat, da kann man sich beim Fotografieren gleich selbst betrachten und bei der Pose richtig hinrücken. Was sind wir nur für ein hübsches Paar, wir passen so gut zusammen und glücklich sind wir auch, auch wenn ich wirklich gleich nochmal ansprechen muss, dass ich lieber Wein trinken würde als in noch so einer Boutique zu warten. Wie schön! Und dahinten der Eiffelturm im Hintergrund, der muss auch ganz drauf, damit... na ja, macht man halt so. Wenn nur nicht immer diese blöden Touris hier wären, die versauen einem echt den Urlaub, als wenn die von Frankreich so viel verstehen würden, Architektur, sie gucken noch nicht einmal hin, auch wenn's natürlich größer ist, was sie aus ihren Sozialwohnungen. Laufen hier mit ihren abgetragenen Klamotten rum, und dann auch noch alleine... na ja, kann jeder soviel Glück haben. Nachher im Hotel haben wir wieder W-Lan, ich freu mich schon, was mein Arbeitskollege bei Facebook zu unserem Parisbild sagt, der war ja noch nie hier.
Neue Gadgets für den Selbstportraitspiegel, gefunden im größten Sightseeingcenter für europäische Hochkultur in Paris, dem Louvre.

Die Kamera, ein Spiegel, das ist sie. Da gibt es das alltags-Ich-Gefühl und dann diese angeschaute Projektion, dieses lachende Paar mit dem Eiffelturm, denen kann es ja nur gutgehen. Identifikation mit dem Ideal-Ich, herausreißen aus dem Seinsfluss. Klar, Selbstbestätigung, Positionierung, Überhöhung. Macht Spaß, wenn's funktioniert. Und dafür ist die Kamera - sie vermittelt Körperbewusstsein, gutes oder schlechtes, sie verursacht die eigene Objektivierung. Ich und die anderen - passt das? Dieses eigentümliche Stillhalten bei der Pose, Wiederholung des eingefrorenen zweidimensionalen Moments Foto, auch gespürte Lähmung durch das Kameraauge. Was soll ich tun? Okay, lächeln, das machen die anderen auch.
Okay, kein Lächeln, ich weiß auch nicht, warum ein Badezimmer in Paris pseudoerotische Gesichtsausdrücke bei mir veranlasst. Die Spiegelung des Spiegels links, nachträglich entdeckt.

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