Freitag, 18. April 2014

Das schöne Tote























Botanische Gärten sind Orte, an denen Hobbyfotografi_innen gerne fotografieren, ein Ort der Praxis. Die Kamera wird extra eingepackt: Da wird es sicher ein paar schöne Motive geben!
Auch ich wollte unbedingt die empfohlene Sehenswürdigkeit des Royal Botanic Garden in Edinburgh "mitnehmen". Die Kamera kam sowieso mit und ich freute mich auf ein paar hübsche Fotos, die ich gemacht haben würde. Blüten, bunte Farben, Makroaufnahmen, imposante Farben, kleine Tierchen, Schärfentiefe, keine Schärfentiefe, interessante Strukturen. Und Blumen sind ja sowieso schön, da werden's die Bilder natürlich auch.
Bei einem dieser Blumenbeete sah ich eine Hummel und so natürlich gleich ein Fotomotiv. Und sie war gar nicht so schüchtern, flog nicht gleich weg, wenn ich mich mit der Kamera näherte. Ich drückte ein paar mal ab, wusste, dass ich dann später das richtige Foto auswählen könnte. Beim Betrachten der Fotos erwischte ich mich, wie ich dachte "Mensch, du weißt doch, dass du bei sich so schnell bewegenden Dingen schneller als 1/160 belichten musst!" - Die Zeit war noch für die Blütenblätter eingestellt, die bewegen sich ja nicht so schnell. Und dann fiel mir auf, wie ritualisiert das alles schon ist. Alles schon mal aufgenommen, so ein scharfes Hummelbild wo man das "Plüsch" an den Beinen sieht. Das schlechte, falsche, verwackelte Foto gefiel mir dann plötzlich ganz gut.
alles schonmal fotografiert, die hübschen Dinge im botanischen Gärten, die Blumen und Hummeln und Blüten. So unterschiedlich ist die Auswahl der Pflanzen meist nicht. Und alle um einen rum, mir ihrer jeweils noch größeren Spiegelreflexkamera fotografierten das gleiche. Wie fotografiert man anders? Ich stand vorm Rhododendron und ärgerte mich, dass ein so bekanntes Gewächs nicht neu und fotografierenswert auf mich wirken kann. Da entdeckte ich vertrocknete Blüten - sowas hatte ich noch nicht wirklich länger betrachtet. Für mich, vielleicht nicht für jeden, etwas ungesehenes.
Knallendes Pink, den Hintergrund komponiert und den Himmel dazu eingesetzt, ein bisschen Makrokrams ohne viel Schärfentiefe. Alles mal gemacht, bewährt, aber diese Dinger, die die Zunge rausstrecken, hatte ich so auch noch nicht gesehen.
Und als ich am Wegesrand mal wieder im Gras lag, um ein bisschen totes Gras aufzunehmen, welches das Sonnenlicht so großartig herausarbeitete, viel ein nerviger Schatten auf mein Motiv. Leute standen hinter mir. Ich ärgerte mich: sehen die denn nicht, dass ich fotografiere? Normalerweise achten Leute darauf, Fotografierende nicht ins Bild zu laufen. ...Doch, sie sahen mich dabei: Sie standen verwirrt da und guckten auf die Grasfläche. Was kann sie da bloß fotografieren? Aus Angst, etwas schönes zu verpassen wahrscheinlich. Nach weiteren irritierten Blicken auch auf mich, ich muss sehr seltsam gewirkt haben, war ich glücklich: so habe ich "anders" fotografiert. Ein bisschen unordentliche Praxis für zwischendurch.
Totes, vertrocknetes, alles abseits der Blüte. Nicht, dass dies nicht schon ein beliebtes Fotomotiv wäre, der unbekanntförmige Pilz, der tote Ast. Treibgutästhetik, verfallene Ruinen im englischen Wald.

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